Unter der Konstruktion

21. März 2024
Fotos: xxxx

Nicola Stattmann und Malte Just

Die Stadtbauwelt rief in Ihrer Ausgabe vom Dezember 2023 den Klimanotstand aus. Sie berichtete zugleich von grünen Visionen, Experimenten und Modellen. Dabei wurde unser Gemeinschaftsprojekt VERD° hervorgehoben. Dieses entwickeln wir zusammen mit OMC°C - Office for Micro Climate Cultivation und starten gerade in die neue Saison.

In unserer Arbeit in diesem Projekt, aber auch zwei weiteren, wird deutlich, dass wir mit unseren Kontruktionen im Stadtraum vor allem einen Raum maßgeblich mitgestalten: Das ist der negative Raum, nicht materieller Natur, der Schatten. Wenn wir diesen im Sinne der Aufenthaltsquälität beeinflussen wollen, müssen wir es schaffen, mit ihm eine Optimierung klimatischer Verhältnisse zu erreichen. Wir gehen mit dieser Sichtweise über die klassische, funktionale Ausrichtung der Architektur hinaus. Wir wollen in Potentialen der Räume denken, ganz gleich ob in Gebäuden oder Stadträumen. Wir versuchen zu ermöglichen, dass sich hier Potentiale entfalten können, um den Anforderungen wie Aufenthaltsqualität, aber auch Bewegungsdimension und Kommunikation gerecht werden zu können.

„Wir werden zu Schattengestaltern des öffentlichen Raums.“

OMC°C

Mit immer heißeren Sommern wird die Schaffung von Aufenthaltsqualität im Stadtraum immer dringlicher.  
Seit Corona wird der städtische Außenraum viel bewusster wahrgenommen. Der Stadtraum war eine Zeit lang der einzige Ort, wo Menschen sich treffen durften. Die Städter:innen wollen seitdem ganz selbstverständlich rausgehen. Man hat sich daran gewohnt, auch bei wenig angenehmen Wetterbedingungen draußen zu sein, in Cafés, auf Plätzen und Grünstreifen und Parks.  
Der Klimawandel und die teils drastische sommerliche Überhitzung der Städte stehen diesem Bedürfnis immer mehr entgegen. So fragen wir uns zusammen mit dem OMC°C Office for Micro Climate Cultivation, wie wir ausreichend Schatten und Aufenthaltsqualität in die Städte bringen können. Und wie wir überdies die Biodiversität erhöhen könnte, im Sinne von "bending the curve", also wie eine Zunahme an Biodiversität unterstützt werden kann.   In der Entwicklung des Verd° Projekts, das zusammen mit einem Team von Designern, Gartenexperten, Statikern und Konstrukteuren entsteht, sind Just Architekten für die stadträumliche Dimension zuständig.  Für uns als Architek:innen verdichtete sich das Thema in drei Leitfragen:

Die Struktur der Haltestelle ist eine schlanke Konstruktion auf einem zentralen Platz in der Innenstadt von Offenbach am Main. Sie verbindet zwei wichtige Innenstadtachsen und verbindet diese miteinander. Die Haltestelle übernimmt eine Art Gelenkfunktion zwischen den beiden Richtungen. Daher kam für uns nur eine offene, nicht gerichtete Geometrie in Frage, um den Fluss des Passanten-Verkehrs im Negativraum nicht zu blockieren.

Anstatt eines klassischen Wartehäuschens ist der öffentliche Raum offen geblieben – eine Blätterdachstruktur mit drei Stämmen und Bänken, die in alle Richtungen um diese gruppiert sind. Damit geht die Haltestelle über das Maß der reinen Bushaltestellenfunktion hinaus und bildet einen Aufenthaltsplatz zu allen Seiten ab. Sie unterstützt die Wahrnehmung des Ortes als Aufenthalts- und Transit-Raum. Die ausgedehnte begrünte Dachstruktur schafft einen großzügigen Schattenraum, unter dem die Nutzer:innen und Pasant:innen sich im Sommer geschützt aufhalten können. Diesem sommerlichen Sonnenschutz, also der Beschattung unserer Plätze, muss eine mindestens ebenso große Aufmerksamkeit gewidmet werden wie dem Wetterschutz im Sinne eines regenfesten Unterstandes.

Alternativtitel

Nicola: Das Großartige ist, wir laufen in keiner Situation gegen Wände. Alle sind offen. Die Themen Grün, Bio-Diversität, Klima-Resilienz und Verschattung haben ganz klar eine klimatologische und gesellschaftliche Relevanz und es ist eben diese soziale Relevanz, die dazu führt, dass Alle mitmachen. Hier geht es nicht um einzelne Egos, sondern um die Erarbeitung der bestmöglichen Lösungen zum Nutzen für uns alle.

Wir entwickeln ein Serienprodukt und keine Einzellösung. Wir Produktdesignerinnen kommen aus der Serie und dem seriellen Denken. Das ist für Euch Architekten, aber auch die Statiker und Stahlbauer im Team, ein neues Gebiet. Ihr habt Euch und uns oft gefragt, was es mit diesem Serienprodukt auf sich hat und warum wir um jeden Zentimeter und jedes Kilogramm gekämpft haben.

„Genau dieser Austausch macht die Zusammenarbeit in unserem großen interdisziplinären Team so spannend.“

Dieses Projekt ist ein riesiges Geschenk. Dass ich das machen darf und in kürzester Zeit ein Start Up daraus geworden ist, die Anlagen nun hier stehen, ist schon unglaublich. Und dass durch die politische Relevanz und Wahrnehmung die Stadt Frankfurt dahintersteht und das Projekt unterstützt, da hast auch Du einen großen Anteil daran – Du als Person, von Anfang an immer gesprächs- und hilfsbereit, offen in der Diskussion, aber auch Dein Büro als unfassbar zuverlässiges und engagiertes Team, das pragmatisch Ideen mitentwickelt und unterstützt.

Malte: Wir suchen gerne die Herausforderung, Dinge zu entwickeln. Der Prozess, unsere Ideen reifen zu sehen, die Fachdisziplinen zusammenzubringen, bis das Ergebnis aufs kleinste Detail sitzt, ist letztendlich der Mehrwert. Trotz einiger Bedenken hat jeder die Relevanz verstanden. Auch Stahlbau Wurst, für die es ja ein kleines Projekt ist, haben es in einer Geschwindigkeit wahr werden lassen, die beeindruckend ist.

Nicola: Ich erinnere mich, dass wir irgendwann darüber gesprochen haben, dass wir das Team noch ergänzen müssen. Für mich war klar, wir brauchen von Allen nur die Besten. In dem Projekt steckt so viel Arbeit, so viel Engagement und Enthusiasmus – und natürlich auch Geld, dass man nicht mit Mittelmaß arbeiten kann. Du hast Bollinger+Grohmann und ich Stefan Diez ins Spiel gebracht. Beide Büros haben die Diskussionen und die Entwicklung maßgeblich beeinflusst, bereichert und die Umsetzung der Prototypen ermöglicht.

Malte: Ja, absolut. Stefan Diez ist sehr konstruktiv in seinem Denken. Ich dachte, Designer konzentrieren sich eher auf das Formale, aber dieser unglaubliche Wille für das Konstruktive und Optimierte hat mich sehr beeindruckt. Es haben sich viele Parallelen zu uns gezeigt. Es war ein Ineinandergreifen in den Workshops – das hat großen Spaß gemacht. Wir kamen schnell zu einem guten Ergebnis, auf dessen Basis wir die Ingenieure challengen konnten, noch weiter zu optimieren. So einen intensiven, produktiven und konstruktiven Arbeitsprozess habe ich nicht häufig. Fernab von jeglichen DIN-Normen im Bauen konnten wir uns hier auf ein Optimum konzentrieren und etwas völlig Neues entwickeln – das war großartig und ein intensives Lernen zwischen den Disziplinen. Ich habe bemerkt, dass Ihr Euch in den Lead begeben habt, nicht in Eure Einzeldisziplin. Das war für die Koordinierung goldrichtig.

Nicola: Das bestätigt meine Erfahrung aus der Produktentwicklung. Man kommt am schnellsten zu nachvollziehbaren und guten Lösungen, wenn man im Team arbeitet. Ohne so ein gutes Team wäre die Umsetzung unseres Projekts in dieser Geschwindigkeit und mit dieser Präzision nicht möglich gewesen. Diesen Prozess müssen wir beibehalten und Studierenden und jungen Mitarbeiter*innen weitergeben, „Verliebt Euch nicht in Eure eigene Arbeit und in Euer eigenes Projekt. Lasst die besten Fachexpertisen miteinfließen und arbeitet ziel- und ergebnisorientiert, aber stets mit großer Offenheit.“

Malte: Ich bin ganz Deiner Meinung. Andere Sichtweisen bringen in den Arbeitsprozessen oft Ansätze hervor, die in Projekten eine besondere Dynamik und individuelle Lösungen hervorbringen. Perspektivisch möchten wir so verstärkt in unserem Netzwerk, was wir uns aufgebaut haben, arbeiten. In architektonischen Prozessen gibt es immer viele Beteiligte. Nur zusammen finden wir das bestmögliche Gesamtergebnis.

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